Wie Ungeduld den Populismus nährt

Populisten sind weltweit auf dem Vormarsch – auch in Deutschland. Von Landtagswahl zu Landtagswahl steigert sich der Stimmenanteil der AfD im Vergleich zur letzten Wahl. In Sachsen-Anhalt erscheint im September eine Alleinregierung der AfD möglich. Was treibt immer mehr Wähler einer offenkundig rechts-populistischen Partei zu? Einerseits ist es der Vertrauensverlust in die Fähigkeiten der traditionellen Parteien, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Damit ist andererseits eng verbunden die Angst vor dem ökonomischen Abstieg in einer immer komplexeren und sich immer schneller wandelnden Weltwirtschaft.

Populistische Parteien wie die AfD treten mit dem Versprechen an, die Menschen gegen die Unwägbarkeiten des Strukturwandels zu schützen, vor der Konkurrenz ausländischer Produzenten und zuwandernder Arbeitskräfte. Dass die Ablehnung des Strukturwandels so breiten Zuspruch findet, verblüfft viele Ökonomen. Empirisch zeigt sich, dass populistische Parteien in Ländern, in denen sie regieren, der Wirtschaft schaden. Funke et al. (2023) schätzen, dass die wirtschaftliche Leistung in Ländern mit populistischen Regierungen im Durchschnitt innerhalb eines Zeitraums von 15 Jahren um zehn Prozent weniger wächst . Bloom et al. (2025) gehen davon aus, dass der Brexit – gewissermaßen die Blaupause populistischer Politikprojekte – die Briten 6% bis 8% ihrer Wirtschaftsleistung gekostet hat.

Wer wählt also populistisch angesichts langfristig negativer ökonomischer Auswirkungen? In einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Thomas Aronsson von der Universität Umeå zeigen wir für Deutschland und Großbritannien, dass es insbesondere ungeduldige Menschen sind, die für Versprechungen der rechtspopulistischen Parteien empfänglich sind (Aronsson et al. 2026). Unsere Abbildung zeigt dies exemplarisch anhand von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Bundestagswahl 2017. Wir unterteilen nach Quartilen der Ungeduldsverteiliung basierend auf der Selbsteinschätzung der Befragten. Außerdem vergleichen wir Parteien vom rechten Rand (AfD + NPD) mit dem linken Rand (Die Linke). Die rechten Parteien erlangen deutlich mehr Zuspruch von ungeduldigen Wählern als von geduldigen Wählern. Die Unterschiede sind mit mehreren Prozentpunkten dabei durchaus markant.

Was kann diese Beobachtung erklären? Der Strukturwandel verspricht langfristige ökonomische Vorteile die häufig mit kurzfristigen Anpassungskosten einhergehen. Menschen müssen umschulen, umziehen oder Windräder vor der Haustür ertragen, um langfristig von den Potenzialen des freien Handels, der Migration oder der Klimawandelvermeidung zu profitieren. Ungeduldige Menschen sind weniger dazu bereit als andere, heute Nachteile in Kauf zu nehmen, um morgen von den Potenzialen des Strukturwandels zu profitieren. Die rechtspopulistischen Parteien greifen dies konsequenter auf als Die Linke, die zumindest in bestimmten Bereichen wie bei der Bekämpfung des Klimawandels und bei der Zuwanderung kurzfristige Anpassungskosten befürwortet.

In unserer ökonomischen Modellanalyse kommt ein zweiter entscheidender Faktor hinzu, der Kapitalmarkt. Sparer können die individuellen Anpassungskosten an den Strukturwandel abfedern, in dem sie einen Teil ihrer Ersparnisse dafür nutzen. Sie wissen, wenn sie es richtig anstellen, werden sie in Zukunft von höheren Einkommen profitieren. Auch, wer sich leicht damit tut, einen Bankkredit zu bekommen, kann die Anpassungskosten ein Stück weit in die Zukunft verlagernund die Rückzahlung mit den zukünftigen Erträgen finanzieren. Es sind also insbesondere ungeduldige Menschen, die keine Ersparnisse haben bzw. sich nicht ausreichend verschulden können, die versuchen werden, die Anpassungskosten an den Strukturwandel an der Wahlurne zu vermeiden. Sie setzen ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten, die mit kurzfristigen Versprechungen locken und dem Wandel durch Abschottung begegnen.

Das alles bürgt Chancen für eine zukunftsorientierte Sozialpolitik. Für die Zustimmung zum langfristigen Wandel ist nicht nur wichtig, dass umverteilt wird, also später alle etwas von den Erträgen abbekommen, sondern auch wie mit den kurzfristigen Anpassungskosten umgegangen wird. Der Staat kann denjenigen, die diese tragen, unter die Arme greifen, z.B. durch eine großzügige Arbeitslosenunterstützung verbunden mit einer aktiven Arbeitsmarkpolitik, die auf Neuorientierung und Umschulung setzt. Ebenso hilfreich könnte die zeitnahe Förderung besonders stark vom Strukturwandel betroffener Regionen sein. Das belegt auch eine aktuelle Studie der Bertelsmannstiftung: In Regionen, die besonders stark vom Strukturwandel betroffen sind, lässt sich mit 100 Euro zusätzlicher Infrastrukturförderung pro Kopf der Anteil der AfD Wähler um rund einen Prozentpunkt senken (Heiddesheimer et al. 2026).

 

 

Quellen

Aronsson, Thomas, Clemens Hetschko und Ronnie Schöb (2026): Populism and Impatience. mimeo.

Bloom, Nicholas, Philip Bunn, Paul Mizen, Pawel Smietanka und Gregory Thwaites (2025): The economic impact of Brexit. NBER Discussion Paper W34459.

Funke, Manuel, Moritz Schularick und Christoph Trebesch (2023): “Populist leaders and the economy”, American Economic Review 113(12), 3249–3288.

Heddesheimer, Vincent, Hanno Hilbig, Daniel Posch und Jens Südekum (2026): Regionalpolitik als Stabilitätsanker im Strukturwandel? – Evidenz zu den politischen Effekten der Regionalförderung in Deutschland. Bertelsmann Stiftung: Gütersloh.

 

Über die Autoren:

Ronnie Schöb ist Inhaber des Lehrstuhls für internationale Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität München und wurde dort promoviert und habilitiert. Längere Auslandsaufenthalte führten ihn nach Großbritannien an die University of Essex und nach Kanada an die University of Western Ontario. Vor seiner Tätigkeit an der FU Berlin hatte er den Lehrstuhl für Finanzwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg inne. In seiner Forschung beschäftigt er sich intensiv mit den Rückwirkungen des Steuer-Transfersystems auf den Arbeitsmarkt und die soziale Grundsicherung, mit Fragen der internationalen Finanzpolitik sowie mit Fragen der Lebenszufriedenheitsforschung. Er ist Autor zahlreicher internationaler Publikationen und war bis 2023 Mitherausgeber der ältesten finanzwissenschaftlichen Fachzeitschrift FinanzArchiv. Für seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, so z.B. mit dem Ellen-und-Max-Woitschach Preis für ideologiefreie Wissenschaft (2006) und dem Schmölders-Preis Vereins für Socialpolitik (2013). Im Bereich der Lebenszufriedenheitsforschung veröffentlichte er 2015 das gemeinsam mit Joachim Weimann und Andreas Knabe in den USA das Buch „Measuring Happiness: The Economics of Well-Being“. Im Jahr 2020 erschien im Campus Verlag sein Buch „Der starke Sozialstaat. Weniger ist mehr.“ Seit 2015 ist er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium der Finanzen. In den öffentlichen Medien nimmt er immer wieder Stellung zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen, zuletzt insbesondere zu Fragen der Reform des Bürgergeldes und der Neuausrichtung der sozialen Grundsicherung. Für Kontakt und weitere Informationen: https://www.wiwiss.fu-berlin.de/fachbereich/vwl/schoeb/lehrstuhl/team/Schoeb/index.html

 

Clemens Hetschko kam 2020 als Associate Professor an die Universität Leeds und ist dort seit 2025 Professor of Economics. Zuvor arbeitete er als Postdoktorand in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt an der Freien Universität Berlin und am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg (2017–2019). Er ist beiden Institutionen weiterhin durch Gastaufenthalte verbunden.Sein Promotionsstudium schloss Clemens Hetschko 2014 an der Freien Universität Berlin ab, wo er von 2009 bis 2017 als wissenschaftlicher Mitarbeiter Lehre tätig war. Der Großteil seiner Arbeit konzentriert sich auf die Anwendung der Wohlbefindensforschung auf den Arbeitsmarkt und die Sozialpolitik. Zudem erforscht er Persönlichkeitsmerkmale und Wahlverhalten aus der Perspektive der Verhaltensökonomik. Clemens Hetschko ist unter anderem Mitherausgeber des Journal of Happiness Studies, Mitorganisator des Berlin Network for Research on Wellbeing sowie Vorstandsmitglied der International Society for Quality of Life Studies. Für Kontakt und weitere Informationen: https://business.leeds.ac.uk/departments-economics/staff/1017/professor-clemens-hetschko