Ist zwischenmenschliche Interaktion lediglich ein Theaterstück?

Die Psychologie betrachtet den einzelnen Menschen und sein Verhalten, während die Soziologie gesellschaftliche Strukturen und Prozesse versteht. Mit einem soziologischen Blick werden also die einzelnen Individuen und ihr Verhalten in einer gesellschaftlichen Gruppe analysiert. Dabei kommt die Frage auf, warum sich der Mensch in verschiedenen Situationen oft anders verhält. Die Arbeit erfordert beispielsweise eine andere soziale Rolle als das Familienleben. 

Bereits 1956 beschrieb dazu der Soziologie Erving Goffman das Leben als ein Theaterstück, wo Personen sich selbst in sozialen Situationen inszenieren. Diese Theorie lässt sich dem symbolischen Interaktionismus zuordnen. Dabei geht es um soziologisches Handeln auf Mikroebene, die das Handeln von Individuen im Alltag in den Vordergrund stellt. Es wird davon ausgegangen, dass die Wirklichkeit der sozialen Situation nicht objektiv gegeben ist, sondern durch Interaktionen, wie durch Symbole und Sprache, konstruiert wird. Daher handelt der Mensch nicht reaktiv, sondern schreibt der Sprache und den Symbolen eine Bedeutung zu, die die Grundlage durch Kommunikation bilden (vgl. Wickert 2025a).  Den Grundstein für soziale Rollen und den damit einhergehenden symbolischen Interaktionismus legte George Herbert Mead, der den Punkt vertrat, dass Identität durch Interaktion entstehe und nicht im Bewusstsein verankert ist. Er definiert das Selbst ("Self") nicht als angeboren oder gegeben, sondern als ein durch soziale Interaktionen entstehendes Wesen, welches erst durch die Übernahme von Rollen und der Fähigkeit zur Reflexivität, also sich selbst aus der Perspektive anderer zu betrachten, entsteht. Dazu werden auch das "Me" and "I" unterschieden. Das "Me" ist der Teil, bei dem das Individuum dir Erwartungen an seine Rolle übernommen hat, während das "I" den kreativen Teil darstellt, der auf diese gesellschaftlichen Normen reagiert und sie infrage stellt.

Darüber hinaus gibt es die "signifikanten Anderen", welche in den wesentlichen Bezugspersonen darstellen. Diese Personen nehmen in einem menschlichen Leben eine zentrale Rolle ein, da sie den Sozialisationsprozess maßgeblich vorantreiben. Durch die Übernahme dieser Rolle entwickelt sich das menschliche Selbst bereits im Kindesalter. Ein weiterer Aspekt sind "generalisierte Andere". Im späteren Stadium der Sozialisation werden somit Perspektiven von verschiedenen Personen eingenommen, was sich auf die Fähigkeit zur Einhaltung sozialer Normen, Verhalten und der Orientierung am Gemeinwohl auswirkt. Wir lernen also als Kind, dass wir einzelne Rollen übernehmen können und erfassen die Struktur sozialer Beziehungen. Im Erwachsenenalter sind wir schlussendlich dazu fähig mehrere Rollen gleichzeitig zu übernehmen und den Rollenerwartungen gerecht zu werden (vgl. Wickert 2025b)

Zusammenfassend sind zwischenmenschliche Situationen eine dauerhafte Übernahme von Rollen. Dieser Prozess geschieht unbewusst, ist jedoch notwendig, um die Erwartungen an unsere Rolle zu erfüllen. Die Rollenerwartungen in der Arbeitswelt sind aufgrund der Unterschiedlichkeit des sozialen Konstrukts und dessen Zweck anders als im Familienleben, weshalb hier eine andere Rollenübernahme von Nöten ist. Das zwischenmenschliche Leben ist also eine mit dem Theater vergleichbare Inszenierung. 

 

Quellen:

Wickert, C. (2025a): Erving Goffman – Wir alle spielen Theater (1956). https://soztheo.de/soziologie/schluesselwerke-der-soziologie/erving-goffman-wir-alle-spielen-theater-1956/. Accessed 5/30/2025.

Wickert, C. (2025b): Herbert Mead – Geist, Identität und Gesellschaft (1934). https://soztheo.de/soziologie/schluesselwerke-der-soziologie/herbert-mead-geist-identitaet-und-gesellschaft-1934/. Accessed 5/30/2025.